Schweizer Besonderheiten - Zapps Blog

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Artikel mit dem Tag „Schweizer Besonderheiten”

Sein und Schein

Ich mag die gedruckte Zeit, aber bei der Übertragung ins Onlineangebot muss beim Artikel „Granaten im Schlick” wohl etwas schief gelaufen sein.

Überschrift im Feedreader und Titel der Seite:

Schweiz: Munition in Alpenseen lässt Fische mutieren

Kernsätze im Artikel:

»Experimente zeigten, dass sich TNT und dessen Abbauprodukte im Schlick langsamer ausbreiten, als sie von neuem Sediment überdeckt werden.« Die Schadstoffe gelangen also nicht ins freie Wasser.

Für den Thuner See hat man gerade so viel nachgewiesen, als wäre der Sprengstoff einer einzelnen Artilleriegranate im 17,5 Kilometer langen See verstreut worden.

Im Bieler See liegt keine versenkte Munition. [...] Und da die Felchen im Bieler See trotz der höheren Belastung mit Sprengstoff gesund sind, scheint die Munition endgültig vom Verdacht entlastet, die Fische im Thuner See zu verunstalten.

Kann es sein, dass der zuständige Internetredakteur den Artikel nicht gelesen hat?

Aus gegebenem Anlass

Aktueller Aushang an der Tür unseres Kaffeeraumes:

SPON: Blocher Geschasst - Freudenfeiern in Bern. 16 Uhr

Politisches Erdbeben

Heute fand in der Schweiz die Wahl der Bundesräte statt, deren Aufgaben mit denen Deutscher Minister zu vergleichen sind.

Und die Vereinigte Bundesversammlung hat für eine handfeste Sensation gesorgt: Christoph Blocher, Exponent und Vordenker der national(istisch)-konservativen SVP sowie bisheriger Leiter des Justizdepartements, wurde nicht in seinem Amt bestätigt. Stattdessen wurde die Graubündner SVP-Politikerin Eveline Widmer-Schlumpf gewählt (1).

Die Sensation entspräche ungefähr der Wahl von Rita Süssmuth statt Angela Merkel zur Bundeskanzlerin, auch wenn politisches Amt und Machtfülle natürlich nicht miteinander zu vergleichen sind.

Die gewählte Bundesrätin hat sich noch nicht entschieden, ob sie die Wahl annehmen will. Sollte sie die Wahl annehmen oder in einem weiteren Wahlgang Christoph Blocher nicht doch noch gewählt werden, hat die SVP angekündigt, in die Opposition zu gehen (2). Das ist in so fern eine deutliche Zäsur im besonderen politischen System der Eidgenossenschaft, als dass hier normalerweise nach dem Konkordanzmodell alle grossen Parteien an der Regierung beteiligt sind.

Wohl niemand hat in den letzten Jahren so polarisiert, wie die SVP unter Christoph Blocher, was sich auch in den Reaktionen auf seine Nicht-Wahl äussert. Während viele erleichtert aufatmen und einen Spuk vorbei wähnen, sehen andere den Untergang der Schweiz heraufziehen (3).

Die nächsten Tage und Monate dürften ziemlich spannend werden, jedenfalls hat das Parlament heute gezeigt, dass es sich nicht von einer Partei auf der Nase herumtanzen lässt.

Passend zum Thema gebloggt:

  • 1) Möglich, weil bei Bundesratswahlen die Abgeordneten einen Namen ihrer Wahl auf den Abstimmungszettel schreiben können und nicht an formale Vorgaben der Parteien gebunden sind.
  • 2) Sinngemässer Kommentar eines Politikers: „Dann ändert sich ja nicht viel, Fundamentalopposition betreiben sie ausserhalb des Bundesrates ja schon immer.”
  • 3) Um einen Einblick in die momentane Gefühlslage hier im Land zu bekommen, empfehle ich die Lektüre des Kommentars der NZZ („Schiffbruch mit Personalisierung”) inklusive der dazugehörenden Leserkommentare.

Wahlk(r)ampf

Wie ich schon mal geschrieben habe, sehe ich die Schweiz nicht als ein Land von Ausländerfeinden, schon gar nicht als Europe's heart of darkness. Auch dass es in einem Land mit einem Ausländeranteil von über 20% (Deutschland: 9%) immer mal wieder auch scharf geführte Diskussionen zum Thema Einwanderung, Integration und Asyl gibt, ist verständlich.

Wahlplakate der SVP und der NPD, beide zeigen ein wisses Schaf, dass ein schwarzes mit einem Tritt in den Hintern aus dem Land kickt.

Aber im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen am 21. Oktober scheint hier alles etwas aus dem Ruder zu laufen. Wenn zum Beispiel die hessische NPD die Wahlplakate der populärsten Schweizer Partei kopiert, kann einen das schon zum Grübeln bringen.

Ich verweise der Einfachheit halber mal auf drei Artikel:

Das schlimme dabei ist, dass die Schweizerische Volkspartei (SVP) und ihr grosser Zampano Christoph Blocher mit ihrem populistischen Wahlkampf offensichtlich auch noch durchkommen, obwohl er bei immer mehr Schweizern für Verärgerung sorgt (1). Der extrem harte Wahlkampf der letzten Wochen, der von mehr oder weniger offener Ausländerfeindlichkeit über Nazi-Vergleiche bis hin zu politischen Schmutzkampagnen alles gesehen hat, rüttelt meiner Meinung nach am Modell der Konkordanzdemokratie, und damit am Grundgefüge der Schweizer Politik.

Nicht alle Schweizer unterstützen die SVP: Aufruf zur Demo gegen Fremdenfeindlichkeit am 6.10.

Ironischerweise würde diese Entwicklung langfristig das politische System der Schweiz näher an das der meissten EU-Staaten bringen und so eine nationale Eigenart verschwinden lassen.

Ob die SVP das wirklich will?

1) An dieser Stelle hätte ich gerne einen Link zu der entsprechenden Meinungsumfrage eingebaut, die beispielsweise in der letzten Woche in der 20 minuten veröffentlicht wurde. Leider habe ich sie nirgends online gefunden, sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.

Ausländerprobleme

  • 36 Prozent der Bevölkerung glaubt, dass die Ausländer den Einheimischen den Job wegnehmen. Im Osten und bei den 15- bis 34-Jährigen sind es sogar deutlich über 40 Prozent.
  • 45 Prozent der Bevölkerung ist der Meinung, dass die Ausländer unsere Löhne drücken.

Klingt wie eine Umfrage zur EU-Osterweiterung in Deutschland?
Weit gefehlt, die Zahlen entstammen einer Umfrage des Schweizer Boulevardblattes Blick (1), ich habe lediglich "Deutsche" durch "Ausländer" ersetzt.

In der letzten Woche wurde der Schweiz durch eine Artikelserie dieser Zeitung eine Diskussion über das "Deutschenproblem" aufgezwängt. Tatsächlich ist die Schweiz eines der beliebtesten Auswanderungsländer für Deutsche und in manchen Berufszweigen ist das Schweizerdeutsch fast zur Ausnahme geworden. In den Kliniken sind Deutsche Ärzte und Schwestern die Regel und auch an den Universitäten sind viele Deutsche angestellt, so auch ich.

Wirtschaftlich gesehen gibt es für die Schweizer eigentlich keinen Grund zur Sorge, die Einwanderer sind in der Regel hoch qualifiziert und füllen Lücken, die durch die Schweizer Arbeitnehmer nicht gefüllt werden können. In meiner Zeit in Bern haben wir zum Beispiel sieben Doktoranden- und PostDoc-Stellen mit externen Leuten neu besetzt. In sechs Fällen gab es entweder keine Bewerbungen von Schweizern, oder sie waren aufgrund fehlender Qualifikation schon vor dem Vorstellungsgespräch aus dem Rennen. So sind dann halt vier Deutsche, ein Holländer, eine Ukrainerin und ein Schweizer eingestellt worden. Ein weiterer Schweizer ist nach seiner Diplomarbeit als Doktorand bei uns geblieben.

Interessant ist es aber schon, bei der Ausländerdiskussion mal auf der anderen Seite zu stehen. Mir selbst ist allerdings auch noch nie eine wirklich ablehnende Haltung entgegen geschlagen (2), und ich fühle mich in der Eidgenossenschaft ausgesprochen wohl. Ganz im Gegensatz zu meinen Schweizer Kollegen bin ich auch der Meinung, dass die Menschen hier insgesamt freundlicher sind als in Deutschland. Aber vielleicht beruht das auch nur auf selektiver Wahrnehmung, weil ich immer so eine Freude an den freundlich grüssenden und meistens lächelnden Verkäuferinnen beim Coop habe.

Ich halte es da ganz mit dem Schweizer Germanisten Peter von Matt, der in einem sehenswerten Interview meinte:
Es gibt hier wirklich kein Problem.

Übrigens:

  • 43% der Schweizer halten die Deutschen für arrogant

Liebe Mitdeutsche, da müssen wir wohl noch etwas dran arbeiten. Aber immerhin meinte mein ehemaliger Diplomand mal, ich hätte sein Deutschen-Bild ziemlich verändert. Ich hoffe mal zum Guten ;-)

  1. 1) Der Blick ist das Schweizer Gegenstück zur Bild, wird aber nicht vom Axel-Springer-Verlag herausgegeben.
  2. 2) Na ja, vielleicht doch einmal. Beim WM-Halbfinale hätte schon nicht die ganze Kneipe wie ein Mann aufspringen und jubeln müssen, als in allerletzter Sekunde das Italien-Tor gegen Deutschland gefallen war. Fussball ist eher ein heikles Thema.