Wissenschaft - Zapps Blog

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Beiträge zum Thema „Wissenschaft”

Es läuft rund

Der LHC-Tunnel am Tag der Offenen Tür 2008

Und zwar beim CERN, wo heute morgen die ersten Protonenstrahlen im LHC zirkulieren.

Der Start scheint rundum geglückt zu sein, zumindest wenn man sich angesichts des zusammengebrochenen Live-Webcasts auf einen Augenzeugen verlassen kann:

Es läuft alles viel besser als geplant. Die Physiker sind alle ganz aus dem Häuschen (und die Ingenieure wohl auch).

Ali Arbia

Die ersten Umläufe knapp unterhalb der Lichtgeschwindigkeit sind geschafft, man kann also mit Spannung auf die ersten Kollisionsexperimente in einigen Wochen warten.

Das CERN liefert mit seinem neuen Superbeschleuniger ein schönes Beispiel dafür, dass ein milliardenschweres und über Jahrzehnte international geplantes Grossprojekt auch auf Anhieb funktionieren kann. Ob's wohl daran liegt, dass hier Forschungs- und nicht ausschliesslich Wirtschaftsinteressen im Vordergrund standen?

Studie zu Handy-Gefahren: Alles Fälschung?

Die Wissenschaft hat einen neuen Fall, bei dem Messergebnisse gefäscht wurden, um besser zur eigenen Theorie zu passen. Diesmal hat eine Laborantin zugegeben, Daten zu einer Studie, die sich mit den Auswirkungen von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern auf das Erbgut befasst, gefälscht zu haben.

Und schon blühen die Theorien, wer von welcher Industrie bezahlt wurde. War die Beurteilung der beanstandeten Arbeit unfair, weil einer der Gutachter angeblich als Jurist bei einem Unternehmen der Mobilfunkindustrie beschäftigt ist (golem.de), oder besteht bei einem der Coautoren des beanstandeten Papers ein Interesse daran, eine mögliche krebsauslösende Wirkung von Handys aufzubauschen, weil er als Lobbyist für die Tabakindustrie so von der Schädlichkeit des Rauchens ablenken kann (Laborjournal)?

Eigentlich wäre das ganze ja ziemlich einfach: Wenn jemand die Ergebnisse der Paper von Diem et al. und Schwarz et al. reproduzieren kann, spricht einiges für die Richtigkeit der Ergebnisse, wenn nicht, spricht einiges dagegen. Zumindest die Ergebnisse von Diem et al. liessen sich bislang nicht unabhängig reproduzieren, ein weiterer Reproduktionsversuch wird gerade an einer dritten Uni durchgeführt.

Aber selbst bei diesem in der Wissenschaft ganz normalen Prozedere bleibt am Ende wohl die Frage, wem man glauben will, ein Verschwörungstheoretiker kann sich eine der beiden Seiten aussuchen und der anderen schlicht Manipulation vorwerfen. Das rein physikalische Problem, dass kein Wirkmechanismus bekannt ist, nach dem die relativ energiearmen „Handystrahlen” einen DNA-Strangbruch bewirken können, hilft da wohl auch nicht weiter.

Interessant ist auch die Berichterstattung über den Fall: Während golem.de den ersten Artikel zum Fall mit dem schlichten und beleglosen Satz

Laut Experten gibt es jedoch weitere Studien, die gentoxische Wirkungen von elektromagnetischen Feldern des Mobilfunks festgestellt haben.

abschliesst, heisst es bei der NZZ

Laut Primo Schär vom Departement Biomedizin der Universität Basel waren die zwei Wiener Studien bisher die einzigen Arbeiten, die von Strangbrüchen im Erbgut durch Handystrahlung berichteten.

Zumindest zwei Medienvertreter scheinen ihren jeweiligen Standpunkt schon gefunden zu haben.

Ich möchte noch mal ausdrücklich die Berichterstattung des Laborjournals empfehlen, das sich schon vor dem Geständnis der Laborantin mit diesem Fall befasst hatte. Hier werden auch die wissenschaftlichen Grundlagen der Studien und die statistischen Gründe für die ursprünglichen Zweifel an ihnen erläutert.

Tag der Offenen Tür beim CERN:
Tolle Technik, viele Menschen

Gestern habe ich den Tag in der Nähe von Genf verbracht, da dort das CERN, eine der grössten Forschungseinrichtungen der Welt, einen Tag der Offenen Tür veranstaltet hat. Ganz alleine war ich da nicht, neben zwei Kolleginnen fanden auch etwa 50 000 weitere Besucher, dass der zukünftig leistungsfähigste Teilchenbeschleuniger der Welt einen Besuch wert wäre.

lhc_map.gif

Hauptattraktion des CERN ist der sich noch in der finalen Bauphase befindliche Large Hadron Collider (LHC), ein Beschleunigerring, in dem Protonen und Bleiionen ab Sommer 2008 auf annähernd Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und anschliessend zur Kollision gebracht werden sollen.

LHC - Die Theorie

Protonen oder Bleiionen werden in einer Ionenquelle hergestellt und durchlaufen zunächst einen Linearbeschleuniger sowie kleinere Ringbeschleuniger, bevor sie in den ersten grossen Ringbeschleuniger, das Super Proton Synchroton (SPS) eingespeist werden. Die durch das SPS nochmals beschleunigten Teilchen werden auf zwei gegenläufigen Bahnen in den LHC eingespeist, in dem sie weiter beschleunigt und schliesslich in einem der Detektoren auf Kollisionskurs gebracht werden. Durch die Analyse der dabei entstehenden subatomaren Teilchen erhoffen sich die Wissenschaftler weitergehende Erkenntnisse über den Aufbau der Materie. Insbesondere sollte es mit Hilfe des LHC möglich sein, Higgs-Bosonen, die einzigen durch das Standardmodell der Elementarteilchenphysik vorhergesagten Elementarteilchen, deren Existenz bisher noch nicht experimentell bewiesen werden konnte, nachzuweisen.

Schema des LHC

Schemazeichnung des gesamten LHC-Sytems:

Die Vorbeschleuniger sind blau, der LHC-Ring ist schwarz eingezeichnet. Der LHC ist an acht Punkten zugänglich, an den vier Zugängen, an denen Detektoren installiert sind (beige), können die Teilchenstrahlen zur Kollision gebracht werden. An Punkt P4 (grün) ist das LHC-eigene Beschleunigungssystem installiert.

Rot eingetragen ist die COMPASS-Anlage, die nicht zum LHC gehört, aber wie dieser vom SPS gespeist wird.

Siehe auch: Animation und detaillierte Schemazeichnung auf den Seiten des CERN.

Bei YouTube gibt es ein sehr anschauliches englisches Video zur Funktion des LHC:

YouTube

Der LHC, dessen Konstruktion mehr als 3 Milliarden Euro gekostet hat, soll in diesem Sommer in Betrieb gehen. Der Tag der Offenen Tür war für Nicht-Physiker damit wohl die letzte Möglichkeit, diese gigantische Maschine, in Augenschein zu nehmen.

Daher war der Besucherandrang an den LHC-Zugangspunkten gigantisch und uns wurde nach der Ankunft auf dem CERN-Hauptgelände im schweizerischen Meyrin mitgeteilt, dass wir es beim dort gelegenen Zugangspunkt P1 erst gar nicht versuchen sollten, sondern mit dem Shuttlebuss zum französischen CERN-Gelände in Prévessin fahren sollten, da von dort aus Busse zu den weniger überlaufenen französischen Einstiegspunkten P4 und P6 fahren würden.

Nach einer Fahrt im überfülltesten Bus, den ich je benutzt habe (die Schulbusse waren ein Kinderspiel dagegen), und einer dreiviertelstündigen Warterei auf den Anschlussbuss, wurde uns dann mitgeteilt, dass die Shuttlebusse wegen des grossen Andrangs momentan nicht fahren würden. Dumm gelaufen â€¦

COMPASS

Warteraum vorm COMPASS-Experiment

So besuchten wir zunächst mal das COMPASS-Experiment, bei dem wir nach einiger Wartezeit eine englischsprachige Führung erwischten.

COMPASS erzeugt mit Hilfe von im SPS beschleunigten Protonen Myonen (eine Art schwere Elektronen) und nutzt diese anschliessend, um den Aufbau von Protonen und insbesondere die Entstehung ihres Spins zu analysieren. Dazu wird ein Myonenstrahl auf ein Zielmaterial, etwa Ammoniak, gerichtet und mit dahinterliegenden Detektoren die Ablenkung, die die Myonen dadurch erfahren, ermittelt.

Grosse Detektoren (Stahlgestelle) in der Halle des COMPASS-Experiments

Laienhaft gesehen, besteht COMPASS aus einer riesigen Halle, in der hinter Radioaktivitätswarnschildern und dicken Betonquadern grosse Metallkästen stehen. Beeindruckend ist auch schon, dass man beim Betreten der eigentlichen Versuchsanordnung als erstes die Bahn des Myonenstrahls kreuzt, der einfach durch die Luft geleitet wird. Das erklärt wohl auch die dicken Türen mit diversen Sicherheitseinrichtungen, die den Zugang zur Versuchsanordnung während eines laufenden Experiments verhindern.

Stahlbehälter mit COMPASS-Ziel und erster Detektor, eine kupferfarbene Platte.

COMPASS beherbergt auch zeitweise die kälteste Stelle des Planeten: Das Ziel, auf das der Myonenstrahl gerichtet wird, wird auf sagenhafte 0.05 Kelvin (-273.1 Â°C) abgekühlt. Daneben erscheinen die für den Betrieb des LHC notwendige Temperatur von 2 K und die Durchschnittstemperatur im Weltall (3 K) geradezu lauschig warm.

Elektronisches Gerät mit Aufschrift SciFi-5

Nachdem er ein ganzes Arsenal an Detektoren durchlaufen hat, wird der Myonenstrahl einfach auf eine Metallplatte gelenkt, dadurch in alle Himmelsrichtungen gestreut und so unschädlich gemacht. Das ist doch mal eine einfache Methode der Abfallbeseitigung.

Auch die Radioaktivität, die bei der Interaktion der Myonen mit Materie ensteht, klingt extrem schnell ab, wenn die Myonenquelle abgeschaltet wird. Für uns Besucher bestand also keinerlei Gefahr.

LHC - Die Praxis

Nach der COMPASS-Besichtigung hatten wir die Hoffnung auf einen Abstieg zum LHC schon so gut wie aufgegeben, aber zufällig kam gerade in dem Moment, als wir die Bushaltestelle passierten, ein Shuttlebus vorbei. Wir konnten unser Glück kaum fassen und enternten den Bus zu Punkt P4. Gegen 15 Uhr erreichten wir die Mehrzweckhalle in Echenevex, wo wir Tickets für einen Abstieg um 17 Uhr ergatterten.

Immerhin mussten wir nicht die ganze Zeit in einer Schlange stehen, und so konnten wir die Zeit mehr oder weniger sinnvoll für eine Begutachtung des verschlafenen Örtchens und den Genuss einer Tasse Kaffee nutzen. Bei der Kaffeepause war dann auch wieder klar, dass wir uns in Frankreich befanden: In der Schweiz hätte es bei so einer Gelegenheit wohl keinen Kaffee für einen oder ein Viertele Wein für zwei Euro (bzw. 1.60 und 3.20 CHF) gegeben â€¦

Warteschlange mit ca. 50 Personen auf einer Wiese.

Um kurz vor Fünf standen wir dann doch in einer Schlange, bis wir aufs lokale CERN-Gelände gelassen wurden dauerte es fast noch eine Stunde. Schliesslich war aber dann doch der grosse Moment gekommen und wir fuhren mit roten Helmen bewaffnet 150 Meter hinab in die Unterwelt. Zu sehen gab es dann den LHC-Tunnel mit den beiden Beschleunigerröhren sowie die eigentliche Beschleunigungsvorrichtung.

LHC-Tunnel, links die beiden relativ dünnen Beschleunigerröhren.

Echenevex ist der einzige Punkt entlang des LHCs, an dem die Protonen bzw. Bleiionen nochmals beschleunigt werden. Die dazu notwendigen hochfrequenten elektrischen Felder beschleunigen die Teilchen in etwa 20 Minuten auf ihre Endgeschwindigkeit von 99.9999% der Lichtgeschwindigkeit, bei der ein Teilchen die 27 km des LHC etwa 10 000 mal in der Sekunde zurücklegt. Dabei bezieht der Beschleuniger rund 200 Megawatt aus dem französische Energienetz, was der halben Leistung eines kleinen Atomkraftwerks entspricht.

Die Beschleunigungseinrichtung: Ein Stahlzylinder, der die Beschleunigerröhren umfasst.

In dem Tunnel zu stehen und dabei zu versuchen, sich diese Zahlen vorzustellen, war ein ziemlich beeindruckendes Erlebnis.

Kollaps der Infrastruktur

Wieder an der Oberfläche gab es dann die nächste Gelegenheit zum Warten, nämlich auf den Bus zurück nach Prévessin. Als schliesslich ein Bus auftauchte, ging es schon auf 19 Uhr zu, wir hatten die Information, dass die Shuttlebusse bis 19:30 Uhr fahren würden und noch zwei weitere Busverbindungen zu erreichen.

LHC-Kontrollgebäude, ein grauer, zweigeschossiger Zweckbau

In Prévessin dann das gleiche Spiel: Warten ohne konkrete Informationen ob oder wie es weiter geht, schliesslich tauchte ein Bus auf, der sich sardinenmässig füllte und Richtung Meyrin fuhr. Dass der Busfahrer eine ganz andere Route als auf der Hinfahrt nahm, zwischendrin immer mal wieder anhielt und selbst nicht ganz genau zu wissen schien, wo er letztlich hin sollte, sorgte dann auch nicht gerade für Optimismus.

Als dann auch noch das Gerücht aufkam, dass die Shuttlebusse vom CERN-Gelände zu den Parkplätzen nicht mehr fahren würden, sank die Stimmung erstmals deutlich. Nach einer weiteren Wartezeit ohne die Möglichkeit verlässliche Informationen zu bekommen, erschien aber doch noch ein entsprechender Bus, der wieder eine ganz andere Route nahm. Nur mit der Hilfe eines freundlichen deutsch sprechenden Einheimischen haben wir dann die richtige Bushaltestelle gefunden, auf uns allein gestellt wären wir sonst wo gelandet.

Aber so nahm der Ausflug doch noch ein gutes Ende und auf der Suche nach dem Parkplatz haben wir uns noch mit einer japanischen Besuchergruppe solidarisiert, die auch nach Bern zurück musste.

Fazit

Es war ein beeindruckendes Erlebnis, sowohl hinsichtlich der Wissenschaft, als auch was die Wartezeiten und die Organisation angeht. Ein internationales Grossforschungsinstitut unterscheidet sich offensichtlich nicht wesentlich von einer Universität, wenn es einen besonderen Anlass organisieren muss.

Die Mitarbeiter, die die Führungen gemacht haben, waren sehr freundlich und engagiert, die Stimmung war allgemein extrem gut, auch nach langen Wartezeiten und in überfüllten Bussen.

Aber organisatorisch gäbe es einiges zu verbessern:

  • Häufiger fahrende Shuttlebusse mit einem halbwegs regelmässigen Fahrplan. Damit würde man das Warten-auf-Godot-Gefühl verhindern.
  • Klare Informationen über die Buslinien und Haltestellen vor Ort. Ein unzureichender Plan im Internet nutzt nicht besonders viel, an den Hauptumsteigestellen wäre ein Ansprechpartner nett gewesen und auch Durchsagen im Bus (auch Englisch?) hätten einige Unsicherheiten beseitigen können.
  • Mehr Informationen, und die auch in anderen Sprachen als Französisch. Ich war schon überrascht, dass fast alle Poster und die Vorträge in Echenevex ausschliesslich in Französisch waren. An den Stellen, an denen man sowieso anstehen muss, wären mehrsprachige Poster mit grundlegenden Informationen zum jeweiligen Experiment nicht schlecht gewesen.
  • Klarere Signalisation. Vor den einzelnen Besichtigungspunkten standen Fahnen mit dem Namen der jeweiligen Sehenswürdigkeit. Das war zwar sehr hübsch anzusehen, aber ein gosses Schild hätte man besser lesen können. An strategischen Punkten, insbesondere an den Bushaltestellen, hätte man Karten und Informationen über Besichtigungsmöglichkeiten des jeweiligen Standorts aushängen können.
  • Mehr Souvenir-Shops. Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das mal schreiben würde, aber ich habe tatsächlich keine Gelegenheit gefunden, ein Mitbringsel zu kaufen. In Mayrin wäre das wohl problemlos möglich gewesen, aber als wir dorthin zurückgekommen waren, hatte natürlich schon alles geschlossen.
  • Besserer Internetauftritt. Die Seite zum Tag der Offenen Tür gab es in französischer und englischer Ausführung. Links im englischen Teil führten aber oft zu französischen Dokumenten oder Unterseiten, das PDF mit dem englischen Vortragsprogramm verschwand nach einigen Tagen plötzlich, der Link führte dann zur französischen Ausgabe.

Das Hauptproblem war der unregelmässige Busverkehr, der wahnsinnig viel Zeit gekostet hat. Beim nächsten Tag der Offenen Tür beim CERN, der erst in mehreren Jahren stattfinden wird, würde ich grundsätzlich überall mit dem eigenen Auto hinfahren.

Hätten wir uns nicht auf die Busse verlassen, hätten wir sicher mehr Dinge sehen können, es war aber trotzdem ein sehr erlebnisreicher Tag und wir haben es sicher nicht bereut, nach Genf gefahren zu sein.

Immerhin kann ich nun sagen, dass ich den LHC gesehen habe, bevor er die Welt verschlingt. :-)

Das LHC-Diagramm beruht auf dem in den Wikipedia Commons zu findenden Bild von Arpad Horvath und steht wie dieses unter folgender Lizenz: Creative Commons Attribution ShareAlike 2.5.

Überlebt Lesch?

Der bekannte Astrophysiker treibt sich momentan immerhin nur von einem Kameramann begleitet in der Müncher U-Bahn herum. In der ersten Ausgabe von LeschZug schwadroniert er dort in Echtzeit über den Klimawandel.

Ein interessantes Konzept und der Beweis, dass man gutes Fernsehen auch sehr preiswert und spontan produzieren kann.

Lesch lebt II

Beim ZDF wird außerdem der Astrophysiker Harald Lesch als neuer Wissenschaftsmoderator Joachim Bublath ablösen, der aus Altersgründen die Sendung abgibt. Lesch wird ab September das ZDF-Magazin "Abenteuer Forschung" präsentieren.

Spiegel online

Das ist doch mal eine gute Nachricht, vielleicht geht es dann mit Abenteuer Forschung wieder etwas aufwärts. In letzter Zeit war mir persönlich die Sendung schon etwas zu populär und zu wenig wissenschaftlich geworden.

Passend zum Thema gebloggt:

Ein besonderes Geburtstagsständchen

PCR, when you need to detect mutations.
PCR, when you need to recombine.
PCR, when you need to find out who the daddy is.
PCR, when you need to solve a crime.

In diesem Jahr feiert die Polymerasekettenreaktion, die eine der absoluten Grundtechniken der modernen Biologie darstellt, ihr fünfundzwanzigjähriges Entwicklungsjubiläum.

Wohl nicht nur deswegen hat die Firma Bio-Rad ein etwas eigenwilliges Geburtstagsständchen veröffentlicht: Scientists for better PCR.

Ich find's witzig, aber ob ich deshalb gleich eine Bio-Rad-PCR-Maschine kaufen würde?

Wir sind Nobelpreisträger

Ich bin ja mal gespannt, wann die ersten Politiker auftauchen und anfangen, von den exzellenten Forschungsbedingungen in Deutschland zu reden, die man an den beiden „deutschen” Nobelpreisen ablesen könne.

Spätestens dann breche ich in schallendes Gelächter aus.

Ebola auf dem Labortisch

Unter dieser Überschrift berichtet die Süddeutsche über einen Fall, bei dem an einer amerikanischen Universität Experimente mit dem Ebola-Virus unter ungenügenden Sicherheitsbedingungen durchgeführt wurden.

„Der wohl haarsträubendste Vorfall: Bis in den Sommer 2006 unterliefen Forscher an der University of Wisconsin die Sicherheitsvorkehrungen, während sie am Erbgut des Ebola-Virus herumwerkelten, einem der gefährlichsten Krankheitserreger der Welt. Sie manipulierten die Ebola-Viren gentechnisch an einem Laborarbeitsplatz der Sicherheitsstufe drei, obwohl Arbeiten mit diesem hochansteckenden Killer von Gesetzes wegen die maximalen Vorschriften für Biosicherheit erfüllen müssen: Stufe vier. Noch dazu waren die leichtsinnigen Experimente vom Biosicherheitskomitee der Universität abgesegnet.”

Ich möchte diesen Vorfall sicher nicht verharmlosen, aber beruflich bedingt kenne ich mich zumindest ansatzweise mit den verschiedenen Sicherheitsstufen aus. Hochsicherheitslabors der Stufe vier sind aufgrund der aufwändigen Genehmigungsverfahren und der extrem hohen Bau- und Unterhaltskosten sehr selten.

Die Idee, Experimente mit vergleichsweise geringem Risiko, die offiziell in einem S4-Labor durchgeführt werden müssten, in einem S3-Labor durchzuführen, ist also nahe liegend. Um beurteilen zu können, ob so etwas verantwortungslos ist, müsste man das konkrete Experiment (offenbar wurde nicht mit dem Virus selbst, sondern „nur” mit seiner DNA gearbeitet) und die Ausstattung des konkreten S3-Labors genauer betrachten. In der Regel kann man aber davon ausgehen, dass auch Experimentatoren gerne am Leben bleiben und die Leute, die solche Experimente genehmigen, keine vollkommenen Idioten sind.

Unter einer S3-Einrichtung darf man sich auch keineswegs ein normales Labor vorstellen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind in diesen Labors, in denen beispielsweise mit den Erregern von Pest und Milzbrand sowie H5N1 gearbeitet werden darf, ebenfalls beachtlich. Lustigerweise findet sich ein Artikel, der die Arbeit in einem S3-Labor beschreibt, ebenfalls in der Süddeutschen:

„Die Fenster und die Wände halten bei einem Brand 90 Minuten lang den Flammen stand, und das ist gut so. Aus diesem Labor darf nichts nach außen dringen”

Was bleibt also übrig von der Schreckensmeldung von Ebola auf dem Labortisch? Ein Haufen falscher Assoziationen beim Leser, ein bisschen Panikmache (geschickt unterstützt durch die Wortwahl: haarsträubend, herumwerkeln, Killer, leichtsinnig) und kaum konkret verwertbare Informationen.

Ein Blick zurück

Ich finde es absolut megamässig phantastisch und beeindruckend, dass wir Galaxien sehen können, die gigantische 11.5 Milliarden Lichtjahre entfernt sind.

Die Astronomen schauen somit direkt in die Kinderstube des Universums, das selbst auch nicht älter als knapp 14 Milliarden Jahre ist.

Wow!

Gen-Kartoffeln und Antibiotikaresistenzen

Tagesschau.de meldet heute:
EU-Komission will Gen-Kartoffel von BASF genehmigen - ‚Amflora’-Erlaubnis spaltet die Geister

In dem Artikel wird ausführlich auf die Bedenken von Umweltschutzorganisationen eingegangen, dass diese transgene Kartoffelsorte riskant wäre, da sie aus züchterischen Gründen ein Antibiotikaresistenzgen trägt, das in die Nahrungskette oder über Bakterien in die Pflanzenwelt gelangen könnte.

Schauen wir uns das doch mal etwas genauer an. Das Gen, um das es geht, bewirkt eine Resistenz der Kartoffeln gegen das Antibiotikum Kanamycin, das heisst, die transgenen Pflanzen können auf Kanamycin-haltigem Nährmedium wachsen, "normale" Kartoffeln hingegen nicht. So eine Selektionsmöglichkeit wird in der Pflanzenbiotechnologie benötigt, um erfolgreich transformierte (also gentechnisch veränderte) Pflanzen identifizieren zu können.

Kanamycin ist ein altes Antibiotikum, das schon seit vielen Jahren in der Human- und Veterinärmedizin eingesetzt wird. In Deutschland wird es beim Menschen nur noch in Augentropfen und -salben eingesetzt, im Arzneimittel-Kompendium der Schweiz findet sich gar kein Eintrag mehr. Der Grund, warum Kanamycin mittlerweile kaum noch gebraucht wird, liegt darin, dass durch seinen übermässigen Gebrauch mittlerweile viele Bakterienstämme bereits Resistenzen gegen diesen Wirkstoff entwickelt haben. Das weiss die englischen Wikipedia (Because of over-usage of antibiotics many bacteria have developed a resistance against kanamycin, and, consequently, it is not used much anymore.) und auch 3sat hat sich unter der Überschrift Sorgloser Umgang verringert Wirkung von Medikamenten bereits mit dieser Thematik beschäftigt.

Wir haben also im konkreten Fall Angst davor, dass durch die neue Kartoffelsorte Bakterien gegen ein Antibiotikum resistent werden, das kaum mehr eingesetzt wird, da es durch übermässigen Einsatz bereits weitgehend wirkungslos geworden ist.

Worin die Gefahren liegen sollen, wenn das Resistenzgen in die Nahrungskette gelangt, ist mir nicht ganz klar. Geht man davon aus, dass es bereits viele resistente Keime gibt, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei vielen Menschen längst im Körper befindet, nämlich im Genom einiger ihrer Darmbakterien.

(Ein häufiges Missverständnis ist übrigens, dass der Mensch durch diese Gene irgendwie antibiotikaresistent werden könnte. Wir sind jedoch schon von Natur aus resistent gegen alle medizinisch eingesetzten Antibiotika, und das ist auch gut so, denn sonst würden wir die Einnahme dieser Medikamente nicht überleben. In diesen ganzen Diskussionen geht es grundsätzlich um Bakterien und insbesondere um Krankheitserreger.)

Interessant finde ich auch die Befürchtung, dass das Resistenzgen über Bakterien in die Pflanzenwelt gelangen könnte. Ganz abgesehen davon, dass ich das für ziemlich unwahrscheinlich halte, da Pflanzen nicht so einfach fremdes Erbgut aufnehmen, stellen sich mir drei Fragen:

  1. Welchen Vorteil hätten Pflanzen von so einer Antibiotikaresistenz? Ausserhalb von Labors wachsen sie eher selten auf Kanamycin-haltigem Nährmedium. Damit sich diese Resistenz in der Natur ausbreiten kann, muss sie aber einen Selektionsvorteil vermitteln, sonst dürfte sie recht schnell wieder aus dem Genpool verschwinden.
  2. Was unterscheidet das Gen aus der Kartoffel, das von irgendwelchen Bodenbakterien aufgenommen wurde, von dem mittlerweile "natürlich" vorhandenen Resistenzgen und warum sind diese "natürlichen" Resistenzgene nicht schon längst auf Wildpflanzen übertragen worden? (1)
  3. Warum sollte es überhaupt für die Natur oder den Menschen schädlich sein, wenn es "wilde" Kanamycin-resistente Pflanzen geben sollte?

Zusammenfassend steht für mich die Antibiotikaresistenz-Argumentation der Umweltverbände als Gegenstrategie zur Zulassung von Amflora auf ziemlich wackligen Beinen. Bereits vor einigen Jahren hatte ich mal in einem Interview gelesen, dass Greenpeace selbst erkannt hat, dass die Antibiotikaresistenz kein sachlich fundiertes Argument gegen transgene Pflanzen ist, sie aber trotzdem daran festhalten, da es sich bei der Bevölkerung sehr gut verkauft. Wer gruselt sich schliesslich nicht vor "Superkeimen"? (2)

Bei neueren transgenen Pflanzensorten wird heute übrigens entweder die Resistenz wieder aus den Pflanzen entfernt, oder gleich auf Antibiotika als Selektionsmittel verzichtet und stattdessen zum Beispiel ein Totalherbizid verwendet. So kann man sich in Zukunft zumindest diese ermüdende Teildiskussion ersparen. (3)

  1. 1) Zum Thema antibiotikaresistente Bodenbakterien sollte man noch wissen, dass in diesem Jahr in Deutschland tonnenweise Antibiotika versprüht wurden, um Feuerbrand zu bekämpfen. Darüber wurde in den schweizer Medien ausführlich berichtet, da der Antibiotikaeinsatz im Obstbau hier aus Sorge um auftretende Resistenzen grundsätzlich verboten ist und die schweizer Bauern enorme Verluste durch Feuerbrand hatten.
  2. 2) Leider kann ich dieses Interview nicht mehr finden und ärgere mich masslos darüber, dass ich es verschlunzt habe. Der lasche Umgang mit der Wahrheit war übrigens der Grund dafür, dass ich ziemlich zu Beginn meines Biologiestudiums bei Greenpeace ausgetreten bin.
  3. 3) Wahrscheinlich findet sich meine Argumentation auf vielen anderen Seiten im Netz, aber nach Lektüre des Tagesschau-Artikels hatte ich das Bedürfnis, mir diesen Beitrag von der Seele zu schreiben. Letztlich ist es in meinen Augen wichtig, auch gegenüber Kritikern kritisch zu sein. Es mag im Einzelfall gute Gründe gegen die Zulassung einzelner Sorten geben, aber die leidige Antibiotikaresistenz-Debatte könnte man langsam mal fallen lassen.