Das Napster-Gefühl
Erinnert sich noch jemand an Napster?
Nein, nicht die neue Firma, die mit DRM-verseuchten Musik-Abos versucht Geld zu machen, sondern das enfant terrible des Internets der Jahrtausendwende. Damals bekam man einen Eindruck davon, wie universelle Verfügbarkeit im Internet funktionieren könnte.
Fast jedes Musikstück konnte jederzeit mit Hilfe einer einfachen Software auf den Rechner geladen werden, von DRM, hohen Kosten oder Beachtung der Urheberrechte keine Spur.
Dass die Kostenfreiheit jedoch wahrscheinlich nicht der einzige Grund für den Erfolg von Napster war, zeigte wenig später der Erfolg von iTunes mit einem ähnlich einfachen Nutzungskonzept. Napster hat sicher eine wichtige Rolle bei der Etablierung der heutigen legalen Downloadportale gespielt, auch deshalb, weil es dem Benutzer gezeigt hat, was technisch möglich wäre, wenn die Rechteinhaber nur wollten.
Mit dem Abschalten des ursprünglichen Napster-Dienstes ging ein Stück benutzerfreundliche Anarchie verloren und ähnliches geschieht mit der Schliessung des Videoportals Stage6 gerade wieder.
Stage6 zeichnete sich im Gegensatz zu YouTube und anderen Konkurrenten durch die Möglichkeit aus, auch längere Filme in hoher Qualität verarbeiten zu können. Und so fanden sich dort zeitweise ganze Fernsehserien, Arte-Themenabende und jede Menge Spielfilme und Dokumentationen zum Abspielen oder auch zum einfachen Download. Freundlich gesagt war das ganze rechtlich ziemlich fragwürdig und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Mutterunternehmen DivX Networks mit Klagen und Schadenersatzforderungen überzogen worden wäre. Nun hat die Firma unter dem Vorwand der hohen Kosten die Notbremse gezogen und wird den Dienst zum Ende des Monats einstellen.
Schade, denn Stage6 zeigt für das Fernsehen heute, was Napster damals für Musik gezeigt hat: Die Erfüllung des Traums, gewünschte Inhalte zu jedem Zeitpunkt in akzeptabler Qualität und DRM-frei zur Verfügung zu haben.
Selbst wenn man den Kostenfaktor aussen vor lässt, ist die heutige Fernsehwelt von diesem Ziel noch weit entfernt. ARD und ZDF bieten zwar mittlerweile Mediatheken an, deren Bedienung ist aber umständlich und es fehlt eine senderübergreifende Sammelstelle für Medieninhalte. Auf ausländische Fernsehsender hat man mit der falschen IP wegen lizenzrechtlicher Probleme keinen Zugriff, sogar das im Kabelnetz empfangbare Arte verweigert mit dem Hinweis, man wäre nicht in Deutschland oder Frankreich, gelegentlich die Wiedergabe eines Videos.
Stage6 hat gezeigt was technisch möglich ist, als Konsument kann man nur weiterhin davon träumen, dass es irgendwann auch einmal rechtlich machbar wird.
Stage6 hab ich auch gerne geschaut, allerdings sehe ich das mit den illegalen Inhalten noch aus einer weiteren Perspektive: zum “Schluss hin” wurde das mit Softporno, Nazikrempel und Co nur so überschwemmt, interessante Sachen gab es kaum aktuellere.
Im direkten Vergleich mit Google-video und Youtube aber eindeutig die bessere Wahl (wenn man die leider fehlende Streaming-möglichkeit ausser acht lässt…)
Sind das nicht die üblichen Probleme, wenn ein Dienst durch die breite Masse entdeckt wird?
Eine nette Runde von engagierten Usern geht dann schnell in der grossen Menge unter. Ein Ende bzw. eine grössere Umstellung war bei Stage6 ja schon länger abzusehen, vielleicht hat das auch Qualitäts-Uploader abgeschreckt?
Als jemand, der den Dienst erst relativ spät eingehender genutzt hat, war ich immer beeindruckt, was man mit den richtigen Stichworten so alles finden konnte. Da habe ich als Teil der Masse wohl vom Vorrat gezehrt. ;-)