Bern am Tag danach
Sonntag Morgen in der Bundesstadt: Die Stadt gehört wieder den Touristen, auf dem Bärenplatz wird Schach gespielt. Den durch die Stadt ziehenden Trüppchen Japanern werden die Spuren der gestrigen Vorkommnisse wohl gar nicht auffallen.
Die Schirme und Stühle, die gestern noch zur Abschirmung gegenüber der Polizei gedient haben, stehen heute wieder an ihrem Platz, das Cafe hat geöffnet. Auch von der brennenden Barrikade sind keine Spuren mehr zu entdecken, lediglich etwas Asche ist der Putzkolonne entgangen.
Schäden muss man teilweise suchen: Bei einem Bettengeschäft, das direkt an der Stelle liegt, wo ich gestern die ersten Scharmützel beobachtet habe, sind zwei Scheiben eingeschlagen, ebenso beim Warenhaus Loeb. Bei der Valiant-Bank und dem Herrenausstatter PKZ sind die Fenster verbrettert, bei der Kantonalbank am Bundesplatz die Rollos heruntergelassen. Ob aufgrund von Glasschäden oder als verbliebene Vorsorgemassnahme ist nicht festzustellen.
Am Bundesplatz steht ein einsamer Abfallcontainer, neben ihm das Gerippe eines Zeltes, hinter ihm der Bauzaun des Bundeshauses, auf dem die wohl momentan meistgefilmten Graffitis der Schweiz prangen. Der Granit des Platzes, der beim Markt dadurch geschont werden musste, dass die Stände Filzpantoffeln anbekamen, zeigt deutliche Brandspuren, aber die Fontänen des Brunnens sprudeln schon wieder und bieten ein gutes Fotomotiv für die Touristen.
Obwohl ich gestern noch mit wesentlich grösseren Schäden gerechnet hätte, ist die vorläufige Schadenshöhe, die die Berner Polizei gestern mit „mehreren zehntausend Franken” angegeben hatte, wohl realistisch, selbst wenn man ein angezündetes Auto und die Schäden am SVP-Material auf dem Bundesplatz hinzunimmt. In einem rechten Blog wird schon darüber spekuliert, dass diese Angabe von der linken Berner Regierung bewusst niedrig gehalten würde, um die Ausschreitungen herunterzuspielen. Das, wie auch die anderen dort angeführten Punkte, widerspricht meinen unmittelbaren Erfahrungen. Auch die mittlerweile überall zu lesende Zahl von 10.000 SVP-Demonstranten scheint mir deutlich zu hoch gegriffen, gestern war noch von wohl realistischeren 5.000 die Rede.
Was bleibt neben ein paar eingeschlagenen Scheiben, einem beschädigten Bundesplatz, einigen Graffitis und 21 Verletzten? In Bern wird überlegt, künftig nur noch Platzdemonstrationen zuzulassen, Demonstrationszüge würden damit der Vergangenheit angehören. Auch die politische Debatte ist im vollen Gange: Die eine Seite sagt, die SVP hätte die Krawalle durch ihren Protestzug selbst provoziert, die andere Seite wirft selbst den moderaten linken Parteien vor, die Gewalt zu billigen.
Der Wahlkampf ist nicht vernünftiger geworden.
Bisher zum Thema gebloggt:
Links zum Artikel "Bern am Tag danach":
Trackbacks:
-
[...] Zapps Blog über Schweizer Gründlichkeit. Gestern war es doch etwas unruhig geworden. [...]
jetzt kommt das übliche heiße blabla danach. bei der nächsten demo (egal ob platz oder nicht) geht das ganze von vorn los. so lange sich leute dadurch versuchen zu profilieren und in die öffentlichkeit zu kommen wird sich daran auch nix ändern…
gruß Jeff
Nun ja, Platzdemos haben den Vorteil, dass sie leichter abzuschirmen sind. Die Angriffsfläche ist kleiner und Blockaden wären nutzlos.
Dafür haben sie IMHO nicht mehr viel mit einer richtigen Demo zu tun.
Gerade im Hinblick darauf, dass hier im nächsten Jahr die Fussball-EM stattfinden wird, wird sich die Polizei einigen unangenehmen Fragen stellen müssen. Eigentlich haben sich die vermummten Horden gestern nicht sonderlich von einem Trupp Hooligans unterschieden …
sicherlich hast du recht. aber es hindert niemandem der aufs maul will sich zu brügeln, mit steinen zu schmeißen oder irgend was anzuzünden. aus diesem blickwinkel find ichs relativ egal welche art von demo es ist.
gruß Jeff
Zahlen zu Demoteilnehmern hin oder her: Befremdlich ist doch, dass Bern schlechte Werbung in eigener Sache macht. ich wagr nicht daran zu denken, was bei einem EM-Spiel England-Holland geschehen könnte. Da gäbe es dann zwei gewaltbereite Gruppen…
Darüber, dass die Polizei insgesamt nicht in der Lage war, die Dinge unter Kontrolle zu halten, sind wir uns einig. Und auch darüber, dass die Einsatzleitung bis zur EM noch einige Hausaufgaben machen muss.
Auf der anderen Seite ist die neue Forderung der SVP, dass Bern keine EM-Spiele austragen solle, in meinen Augen wieder genau das Spiel mit Ängsten, das die Bundespräsidentin heute angeprangert hat.
Der Vollständigkeit halber:
Mittlerweile wird von Schäden in deutlich sechsstelliger Höhe ausgegangen, allein die Firma Bell, deren Lieferwagen auf dem Bundesplatz angezündet wurde, macht angeblich CHF 100.000 geltend.
Auch der zerstörte schwere BMW, der heute in der Zeitung abgebildet war, dürfte einiges zur doch schlimmeren Schadensbilanz beitragen.
was soll man da noch zu sagen. ich kann eigentlich nur verständnisslos den kopf schütteln. denn ansich finde ich nicht das es den “prügelnden linken” wirklich um politik geht. es scheint eher ein überangebot an testosteron zu geben. und scheinbar fehlt denen der körperliche ausgleich ums abzubauen.
traurig traurig… gruß Jeff