Chaotische Zustände in Bern - Zapps Blog

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Chaotische Zustände in Bern

Dies ist ein absolut subjektiver Erlebnisbericht ohne Anspruch darauf, ein vollständiges Bild der Lage wiederzugeben. Da ich ziemlich schlecht im Schätzen bin, sind Zahlenangaben etwas mit Vorsicht zu geniessen. Für Ortsfremde habe ich auch eine Übersichtskarte angefertigt.

Ich hatte ja gestern schon befürchtet, dass es heute in Bern nicht friedlich zugehen würde. Leider hat sich diese Vorahnung bewahrheitet.

Als ich gegen 12:30 Uhr eine Stunde vor dem angekündigten Beginn der SVP-Demo in Bern eingetroffen bin, war die Lage in der Stadt ausgesprochen ruhig. Von gespannter Erwartung keine Spur, es war relativ wenig Polizei zu sehen und die Strassencafes entlang der geplanten Route des Demonstrationszuges waren geöffnet und recht gut besucht. Auf dem Bundesplatz wurde der Wochenmarkt gerade abgebaut, Tribüne und Würstchenstände der SVP standen bereits.

Die linke Gegenveranstaltung auf dem Münsterplatz hatte schon begonnen und einige hundert vorwiegend junge Leute lauschten Musik und politischen Reden. In dem Redebeitrag, den ich mitbekommen habe, wurde ausdrücklich gefordert, dass es sich auf dem Platz um eine Veranstaltung für alle, auch für Kinder, handeln sollte und dass man sich doch bitte hier zurückhalten sollte. Die Stimmung war dementsprechend auch relativ entspannt.

Am Bärengraben – zu diesem Zeitpunkt war es überhaupt kein Problem, sich frei zu bewegen – waren einige hundert schweizerkreuzschwenkende SVP-Anhänger an Bier und Würstchenständen versammelt. Es gab den unvermeidlichen Alphornbläser und auch einige Kuhglocken standen herum. Ich hatte eine halbe Stunde vor dem geplanten Demobeginn allerdings nicht den Eindruck, dass das wirklich die angekündigten 5000 Leute waren. Allerdings sind einem in der Stadt auch noch jede Menge Leute mit Schweizerkreuz-T-Shirt und Fähnchen begegnet, ebenso einige schwarz gekleidete Linke und Glatzen.

Auf dem Weg zurück zum Münsterplatz bemerkte ich, dass die Polizei mittlerweile mobile Absperrungen herbeigefahren hatte und so den Zugang zum Platz erschwerte. Die Zugänge durch die kleinen Nebengassen waren komplett blockiert, auf den Zugangsstrassen standen Einsatzfahrzeuge. Über die Münstergasse gelangte ich aber auf den Platz, die Polizisten haben mich anstandslos durchgelassen. Ich hatte geplant, über den Münsterplatz wieder zurück Richtung Bärengraben zu gehen, allerdings lieferten sich direkt am Berner Münster bereits einige Autonome ein Scharmüzel mit der Polizei. Die Polizisten, die den Zugang über die Kreuzgasse blockierten, wurden mit Flaschen und sonstigen Gegenständen beworfen. Ich machte also kehrt und gelangte wieder über die Münstergasse, in der allerdings auch schon Scherben lagen, aus dem mehr oder weniger abgesperrten Gebiet heraus.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Lage entlang der SVP-Route bereits dramatisch zugespitzt. Am Beginn der Gerechtigkeitsgasse blockierten etwa hundert schwarz Vermummte den Weg. Es bildete sich die typische Sandwich-Konstellation: Auf der Nydeggbrücke der anrückende SVP-Zug, in der Gerechtigkeitsgasse die Autonomen und dazwischen die Polizei. Die Räumungsaufforderung der Polizei wurde mit lauten Parolen beantwortet und die Vermummten begannen mit den Sonnenschirmen des anliegenden Cafes eine Barrikade zu bauen.

Gerechtigkeitsgasse

Ich befand mich mit einer ganzen Menge anderer Berner etwa 50 bis 100 Meter vom Geschehen entfernt, als sich die Polizei entschloss Tränengas einzusetzen. Die Gasgranaten flogen auch weit über die Blockade hinweg, eine landete direkt neben mir und verpasste mir auch meinen Teil Reizgas. Die hustende Menge flüchtete erstaunlich panikfrei in die Nebengassen und am Vennerbrunnen vor dem Rathaus konnte ich mir schliesslich das brennende Gesicht waschen und die Tränengasreste los werden.

Es war kein Problem, vom Rathaus aus wieder zur Kramgasse zu gelangen, ich habe in diesem Bereich nur einzelne Polizisten gesehen. In der Mitte der Kramgasse war aus Baustellenmaterial eine Barrikade aufgebaut worden, die lichterloh brannte. Vor der Barrikade standen etwa hundert Vermummte, die Lage war aber ruhig und die Polizei schritt nicht ein. Nach einiger Zeit bewegte sich der autonome Pulk plötzlich Richtung Theaterplatz.

Mein Bedarf an Reizgas war erst mal gedeckt, weswegen ich zunächst in der ruhigen Kramgasse blieb. Hier sammelte sich neben mir auch ein Grüppchen SVP-Anhänger, die Photos von den Krawallen geschossen hatten und sich darüber aufregten, dass sie, die Aufrechten, offensichtlich in der Schweiz in der Minderheit wären. Als Gesprächsfetzen habe ich noch etwas von „alle in die Aare stossen” gehört, aber dafür möchte ich wegen des starken Dialektes meine Hand nicht ins Feuer legen.

Nach einiger Zeit machte ich mich auch wieder Richtung Obere Altstadt auf. An der Zytglogge war ein Wasserwerfer und die obligatorische Polizeiabsperrung aufgefahren. Obwohl ich etwa 10 Minuten früher dort Gegenstände fliegen gesehen hatte, war die Lage mittlerweile ruhig und die Polizisten liessen Passanten durch.

Da ich seit dem Zusammentreffen an der Nydeggbrücke nichts mehr vom SVP-Zug gesehen hatte, wollte ich noch einmal beim Bundesplatz vorbeischauen und dann nach Hause fahren. Auf Höhe des Casinoplatzes verschärfte sich die Lage aber wieder, als plötzlich ein Pulk Vermummter die Kochergasse in Richtung Bundesplatz entlang rannte. Als ich über die Amthausgasse am Bundesplatz eintraf, waren sie schon über den Platz hergefallen: Es flogen Mülltonnen und Gegenstände, die SVP-Band brachte sich von der Tribüne in Sicherheit und mir kam ein blutender junger Mann entgegen. Von den Würstchenständen kann nicht viel übrig geblieben sein, die Vermummten fegten wie die Vandalen über die Südseite des Platzes hinweg. Polizei habe ich kaum gesehen, in der Amthausgasse standen lediglich drei Beamte mit gezücktem Pfefferspray neben ihren Fahrzeugen.

Bundesplatz

Als am Übergang zum Bärenplatz die ersten Tränengasschwaden aufgezogen sind, habe ich dann mein Abenteuer Bern für heute beendet.

Ich hatte insgesamt den Eindruck, dass sich die Polizei relativ zurückgehalten hat. Ob sie an der Gerechtigkeitsgasse wirklich so freigiebig mit Tränengas hätten sein müssen, sei mal dahingestellt, aber insgesamt haben sich die Polizisten korrekt verhalten und eine Masseneinkesselung oder das Gefühl, in einem Polizeistaat zu leben, hat es nicht gegeben. Diese Deeskalationsstrategie hat sich vielleicht sogar gerächt, da die Erstürmung des Bundesplatzes so nicht verhindert werden konnte.

Als ich das Chaos vor dem Parlamentsgebäude gesehen habe, ist in mir die totale Wut gegenüber den Autonomen hochgekommen. Wie sollen denn Demokratie und Rechtsstaat funktionieren, wenn sich eine Gruppe alle Freiheiten herausnimmt und jedes Entgegenkommen komplett für ihre gewalttätigen Ziele ausnutzt? Meine Sympathie mit Linksradikalen war ja immer schon eher begrenzt, aber heute ist auch noch der letzte Rest verschwunden. Trotz Atemnot und tränenden Augen fühle ich mich von diesen Schwachmaten weitaus stärker geschädigt, als von der Polizei.

Letztlich bleibt man als moderater Linker auf der Strecke, wenn die Extremen eine Veranstaltung an sich reissen. Die SVP hat heute tolles Propagandamaterial frei Haus bekommen und mich würde nicht wundern, wenn diese Partei nun einen weiteren Popularitätsschub bekommen würde. Die Autonomen haben es geschafft, die Rechten in der Öffentlichkeit zu Opfern statt zu Tätern zu machen, und werden die Verhinderung der ursprünglichen SVP-Demo-Route wahrscheinlich auch noch als Sieg feiern. Wie kann man bloss so bescheuert sein?!

Für Demokratie und Meinungsfreiheit war das heute kein guter Tag.


Trackbacks:

  1. 1 · Zapps Blog am 7. Oktober 2007, 13:18 Uhr

    Bern am Tag danach…

    Sonntag Morgen in der Bundesstadt: Die Stadt gehört wieder den Touristen, auf dem Bärenplatz wird Schach gespielt. Den durch die Stadt ziehenden Trüppchen Japaner werden die Spuren der gestrigen Vorkommnisse wohl gar nicht auffallen.
    Di…


Kommentare:

  1. 1 · wajakla am 6. Oktober 2007, 19:27 Uhr

    Eindrucksvoller, vor allem differenzierter Bericht, Hut ab.


  2. 2 · Zapp am 6. Oktober 2007, 20:19 Uhr

    Danke.
    Ich habe mir den Artikel ziemlich von der Seele geschrieben, als ich nach Hause gekommen bin.

    Vorläufige Bilanz des heutigen Tages gemäss Schweizer Fernsehen:
    80 21 Verletzte, davon 10 18 Polizisten.
    42 Festnahmen. Davon einige dadurch ermöglicht, dass Leute Chaoten auf dem Bundesplatz festgehalten haben, bis die Polizei kam.

    Jetzt beginnt hier das politische Theater.


  3. 3 · Jeff Clay am 6. Oktober 2007, 23:53 Uhr

    servus zapp, ich hoffe das tränengas hat keine schlimmeren folgen hinterlassen.

    als ex-leipziger kenn ich das was du beschreibst. da war (teilweise auch wieder) jedes jahr ein umzug der braunen. die waren oft (nicht immer) friedlich. während sich die linken deppen mit der polizei prügelten. wenn man am tag danach über den augustus platz (ist ein zentraller platz in der nähe des hauptbahnhofs, zwischen gewandhaus, oper und uni), innenstadt oder den ring (eine große staße die sich um die komplette innenstadt zieht) gegangen ist sah es aus als wäre der letzte krieg keine 10 minuten her.

    von daher hab ich auch kein wirkliches verständniss für die linken deppen. ist doch selten dämlich die leute so ins rechte langer zu treiben.

    aber deppen gibt es in beiden lagern zur genüge. nur scheinen die braunen ihre deppen besser im griff zu haben…

    zumal wenn man bedenkt was die polizeiaktion, das aufräumen und das beseitigen der schäden kosten wird… da könnten wir uns ein prima haus am gardersee kaufen.

    gruß Jeff


  4. 4 · reizzwecke am 7. Oktober 2007, 02:17 Uhr

    Was soll man dazu noch sagen oder schreiben? Toller Bericht. Danke.
    Ich war vor einigen Wochen sehr davon angetan, wie hier in Cottbus einer Rechtendemo entgegengetreten wurde: Gar nicht! Die Geschäfte machten zu, Läden ließen die Rolläden runter, Gaststätten und Cafés ebenso, Straßencafé-Angestellte räumten die Möbel rein und schlossen. Die ließen die die Rechten einfach ins Leere laufen. Die Bürgerinitiative empfahl den Anwohner Transparente aus den Fenstern zu hängen: “Lauft schneller. Ihr nervt!” und so was.
    Kleiner Wermutstropfen: Ein Laden hatte geöffnet: Der Fanshop vom Bundesligaverein “FC Energie Cottbus”. Traurig oder? Gerade die… ich weiß gar nicht wie hoch der Ausländeranteil im Verein ist.


  5. 5 · karin am 7. Oktober 2007, 10:21 Uhr

    Tja, was soll man da noch sagen? Den springenden Punkt (nebst dem, dass einem beim Anblick dieser blinden Alles-kurz-und-klein-Schlagerei schon mal eben das Ko**en kommen kann) hast Du gut erkannt: Besser hätte man der Partei doch gar nicht in die Hände spielen können.


  6. 6 · Zapp am 7. Oktober 2007, 13:40 Uhr

    aber deppen gibt es in beiden lagern zur genüge. nur scheinen die braunen ihre deppen besser im griff zu haben…

    Erschreckend, aber wahr.

    Die ließen die die Rechten einfach ins Leere laufen.

    Entgegen besserer Vorahnung hatte ich am Anfang gehofft, dass es hier ähnlich ablaufen würde. Es gab zunächst kaum Schaulustige, die sich für den SVP-Zug interessierten, die Stadt war für einen Samstag vergleichsweise leer und entlang der Strecke hingen einzelne „Wütendes-Schaf-Plakate.”
    Da hatte ich gedacht, dass es vielleicht doch gut gehen könnte.

    dass einem beim Anblick dieser blinden Alles-kurz-und-klein-Schlagerei schon mal eben das Ko**en kommen kann

    Es bleibt einfach nur wütende Ohnmacht. Wobei ich mich mittlerweile Frage, ob man sich als „Zuschauer” nicht diesen Chaoten hätte entgegenstellen sollen. Angesichts der konkreten Gefahrenlage ist mir der Gedanke am Bundesplatz allerdings nicht gekommen.

    -

    Ich hätte noch einen Lesetipp:
    Politologe: Das Spiel ist für die SVP aufgegangen

    „Das Spiel sei allerdings nicht nur für die SVP, sondern auch für die extreme Linke aufgegangen, die nicht elektoral denke und für sich in Anspruch nehmen könne, den SVP-Umzug verhindert zu haben. Zu den Verlierern des Tages gehöre hingegen die moderate Linke.”

    Gegen solch Extreme kommt man mit Logik wohl nicht an.


  7. 7 · Jeff Clay am 7. Oktober 2007, 13:52 Uhr

    die beste idee die ein freund von mir zu diesem thema hatte war die das man ein feld absperrt. z.b. mit diesem gipfelzaun von angela. drinn darf sich nach herzenslust aufs maul gehauen werden.

    aber alle die rein wollen müssen unterschreiben das die für ihre medizinische versorgung selbst aufkommen.

    gruß Jeff


  8. 8 · Stefan am 7. Oktober 2007, 19:22 Uhr

    Gratuliere zum diesem straighten Blog. Wir, die solches lesen, sind ja in der Regel alles halblinke Kinder der Achtziger, und haben das in irgendeiner Weise schon mal gesehen oder durchgemacht, und sind hoffentlich etwas klüger geworden. Was mich stört, ist dass in manchen Gegenden wie in der Stadt Bern heute die Toleranzschwelle für diese politpubertären Aktionen erheblich höher sind als früher, sei dies aus Politkalkül oder aus politischer Correctness. Das ist als politischer Anreiz für sämtliche Seiten ungesund. Wer Eigentum und Meinungsäusserung nicht schützt, ruft geradezu die Bürgerwehren von morgen.


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