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Gen-Kartoffeln und Antibiotikaresistenzen

Tagesschau.de meldet heute:
EU-Komission will Gen-Kartoffel von BASF genehmigen - ‚Amflora’-Erlaubnis spaltet die Geister

In dem Artikel wird ausführlich auf die Bedenken von Umweltschutzorganisationen eingegangen, dass diese transgene Kartoffelsorte riskant wäre, da sie aus züchterischen Gründen ein Antibiotikaresistenzgen trägt, das in die Nahrungskette oder über Bakterien in die Pflanzenwelt gelangen könnte.

Schauen wir uns das doch mal etwas genauer an. Das Gen, um das es geht, bewirkt eine Resistenz der Kartoffeln gegen das Antibiotikum Kanamycin, das heisst, die transgenen Pflanzen können auf Kanamycin-haltigem Nährmedium wachsen, "normale" Kartoffeln hingegen nicht. So eine Selektionsmöglichkeit wird in der Pflanzenbiotechnologie benötigt, um erfolgreich transformierte (also gentechnisch veränderte) Pflanzen identifizieren zu können.

Kanamycin ist ein altes Antibiotikum, das schon seit vielen Jahren in der Human- und Veterinärmedizin eingesetzt wird. In Deutschland wird es beim Menschen nur noch in Augentropfen und -salben eingesetzt, im Arzneimittel-Kompendium der Schweiz findet sich gar kein Eintrag mehr. Der Grund, warum Kanamycin mittlerweile kaum noch gebraucht wird, liegt darin, dass durch seinen übermässigen Gebrauch mittlerweile viele Bakterienstämme bereits Resistenzen gegen diesen Wirkstoff entwickelt haben. Das weiss die englischen Wikipedia (Because of over-usage of antibiotics many bacteria have developed a resistance against kanamycin, and, consequently, it is not used much anymore.) und auch 3sat hat sich unter der Überschrift Sorgloser Umgang verringert Wirkung von Medikamenten bereits mit dieser Thematik beschäftigt.

Wir haben also im konkreten Fall Angst davor, dass durch die neue Kartoffelsorte Bakterien gegen ein Antibiotikum resistent werden, das kaum mehr eingesetzt wird, da es durch übermässigen Einsatz bereits weitgehend wirkungslos geworden ist.

Worin die Gefahren liegen sollen, wenn das Resistenzgen in die Nahrungskette gelangt, ist mir nicht ganz klar. Geht man davon aus, dass es bereits viele resistente Keime gibt, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei vielen Menschen längst im Körper befindet, nämlich im Genom einiger ihrer Darmbakterien.

(Ein häufiges Missverständnis ist übrigens, dass der Mensch durch diese Gene irgendwie antibiotikaresistent werden könnte. Wir sind jedoch schon von Natur aus resistent gegen alle medizinisch eingesetzten Antibiotika, und das ist auch gut so, denn sonst würden wir die Einnahme dieser Medikamente nicht überleben. In diesen ganzen Diskussionen geht es grundsätzlich um Bakterien und insbesondere um Krankheitserreger.)

Interessant finde ich auch die Befürchtung, dass das Resistenzgen über Bakterien in die Pflanzenwelt gelangen könnte. Ganz abgesehen davon, dass ich das für ziemlich unwahrscheinlich halte, da Pflanzen nicht so einfach fremdes Erbgut aufnehmen, stellen sich mir drei Fragen:

  1. Welchen Vorteil hätten Pflanzen von so einer Antibiotikaresistenz? Ausserhalb von Labors wachsen sie eher selten auf Kanamycin-haltigem Nährmedium. Damit sich diese Resistenz in der Natur ausbreiten kann, muss sie aber einen Selektionsvorteil vermitteln, sonst dürfte sie recht schnell wieder aus dem Genpool verschwinden.
  2. Was unterscheidet das Gen aus der Kartoffel, das von irgendwelchen Bodenbakterien aufgenommen wurde, von dem mittlerweile "natürlich" vorhandenen Resistenzgen und warum sind diese "natürlichen" Resistenzgene nicht schon längst auf Wildpflanzen übertragen worden? (1)
  3. Warum sollte es überhaupt für die Natur oder den Menschen schädlich sein, wenn es "wilde" Kanamycin-resistente Pflanzen geben sollte?

Zusammenfassend steht für mich die Antibiotikaresistenz-Argumentation der Umweltverbände als Gegenstrategie zur Zulassung von Amflora auf ziemlich wackligen Beinen. Bereits vor einigen Jahren hatte ich mal in einem Interview gelesen, dass Greenpeace selbst erkannt hat, dass die Antibiotikaresistenz kein sachlich fundiertes Argument gegen transgene Pflanzen ist, sie aber trotzdem daran festhalten, da es sich bei der Bevölkerung sehr gut verkauft. Wer gruselt sich schliesslich nicht vor "Superkeimen"? (2)

Bei neueren transgenen Pflanzensorten wird heute übrigens entweder die Resistenz wieder aus den Pflanzen entfernt, oder gleich auf Antibiotika als Selektionsmittel verzichtet und stattdessen zum Beispiel ein Totalherbizid verwendet. So kann man sich in Zukunft zumindest diese ermüdende Teildiskussion ersparen. (3)

  1. 1) Zum Thema antibiotikaresistente Bodenbakterien sollte man noch wissen, dass in diesem Jahr in Deutschland tonnenweise Antibiotika versprüht wurden, um Feuerbrand zu bekämpfen. Darüber wurde in den schweizer Medien ausführlich berichtet, da der Antibiotikaeinsatz im Obstbau hier aus Sorge um auftretende Resistenzen grundsätzlich verboten ist und die schweizer Bauern enorme Verluste durch Feuerbrand hatten.
  2. 2) Leider kann ich dieses Interview nicht mehr finden und ärgere mich masslos darüber, dass ich es verschlunzt habe. Der lasche Umgang mit der Wahrheit war übrigens der Grund dafür, dass ich ziemlich zu Beginn meines Biologiestudiums bei Greenpeace ausgetreten bin.
  3. 3) Wahrscheinlich findet sich meine Argumentation auf vielen anderen Seiten im Netz, aber nach Lektüre des Tagesschau-Artikels hatte ich das Bedürfnis, mir diesen Beitrag von der Seele zu schreiben. Letztlich ist es in meinen Augen wichtig, auch gegenüber Kritikern kritisch zu sein. Es mag im Einzelfall gute Gründe gegen die Zulassung einzelner Sorten geben, aber die leidige Antibiotikaresistenz-Debatte könnte man langsam mal fallen lassen.

Kommentare:

  1. 1 · Zapp am 16. Juli 2007, 23:08 Uhr

    Als Nachtrag noch zwei interessante Seiten:

    EFSA-Gutachten zu Antibiotikaresistenz-Markern

    Anfang 2007 wurde das nptII-Gen (vermittelt Kanamycin-Resistenz) von den EFSA-Experten erneut überprüft. Anlass dafür waren neue Information der über einen verstärkten Einsatz des Antibiotikums Kanamycin und ähnlicher Wirkstoffe. Nach Ansicht der Europäische Arzneimittelagentur (EMEA), spielen diese in der Human- und Tiermedizin eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung bestimmter Infektionskrankheiten, auch weil andere Antibiotika ihre Wirksamkeit verlieren, gegen die bakterielle Erreger Resistenzen entwickelt haben. Dennoch bekräftigten die EFSA-Experten ihre ursprüngliche Einschätzung: Ein Transfer des Gens von einer gv-Pflanze auf Bakterien ist als extrem unwahrscheinlich anzusehen ist. Außerdem sei das nptII-Gen in der Natur ohnehin weit verbreitet. Ein großer Teil der Bakterien, die etwa im Darm oder in der Umwelt anzutreffen sind, besitzt bereits eine Resistenz gegenüber Kanamycin. Eine Verwendung des nptII-Gens in gv-Pflanzen sei unbedenklich und habe keinen Einfluss auf die die Wirksamkeit von Antibiotika der Kanamycin-Gruppe.

    Antibiotika-Resistenz: Risiken durch gentechnisch veränderte Pflanzen?

    Eine Untersuchung verschiedener Umweltproben wie Abwasser, Flusswasser, Schweinegülle und Boden ergab, dass ein teilweise beträchtlicher Anteil der dort vorkommenden Bakterien resistent gegen das Antibiotikum Kanamycin ist: In Bodenproben lag der Anteil bei 0,001 – 5 %; in einer Schweinegülleprobe aus den Niederlanden fand die Arbeitsgruppe sogar 39 % Kanamycin-resistente Bakterien.


  2. 2 · barney am 1. November 2007, 16:26 Uhr

    Ich weiß noch nicht so recht, wie ich dazu stehen soll. Denn es hat nicht zu verachtende Vorteile, aber eben auch nicht ausnahmslos-die Nachteile sind auch nicht zu missachten… Aber ich denke, es wird noch viel geforscht werden diesbezüglich.


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